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Berührend

Draußen herrschte jetzt dichter Nebel, die Laternen unten auf der Terasse waren nur noch als diffuse Lichtstrudel zu erkennen, in denen herantreibende Schwaden verschwanden. Warum nur hatte es ihn gedrängt, seine Aufzeichnungen durch eine andere Sprache zu verfremden? Kann man Angst davor haben, sich selbst zu nahe zu treten? Oder war eine andere Angst am Werk gewesen: dass Artikulieren in der Muttersprache, und nur in ihr, das Erleben verändern könnte, so dass die alte Erlebnisweise, die man nicht verlieren möchte, mit einemmal verschwände?

 

Wie auch immer: Auf English konnte er seine Beobachtungen lesen, als habe ein anderer sie geschrieben, einer, der geistesverwandt war, aber doch verschieden von ihm. Er öffnete das Fenster und spürte die kühle Nachluft wie feuchte Watte auf dem Gesicht. Auch in fremden Sprachen konnte man sich geborgen fühlen wie im Nebel. Kein Angriff, der in einer anderen Sprache vorgetragen wurde, könnte ihn jemals so treffen, könnte so ganz zu ihm durchdringen wie ein Angriff in der Muttersprache. Und auch die eigenen, intimsten Sätze trafen ihn weniger, wenn sie in fremde Worte verpackt waren. Denn auch gegen diese Sätze musste er sich schützen, paradoxerweise. Oder verhielt es sich am Ende noch ganz anders: Was es ihm darum gegangen, die Intimität dadurch zu steigern, dass er vor sich das offene Geheimnis genoß, der Autor dieser Aufzeichnungen zu sein?

Aus „Perlmanns Schweigen“ von Pascal Mercier

Wer bin ich?

Und warum glaube ich es aufeinmal nicht mehr genau zu wissen?

Heute im Bus eine unbedeutende Szene. Ich quetschte mich mit meinem dicken Rucksack durch die Menge und balansierte auf der Suche nach einem Halt. Da sah ich vor mir eine alte, ziemlich übergewichtige, gedauerwellte Frau im herkömmlichen Faltenrock, sitzen. An der nächsten Bushaltestelle wollte sie aussteigen, stand also auf und drückte den Türknopf. Aufeinmal sprach sie zu ihrer Nachbarin, eine jammerliche Wortflut kam, dennoch im flüssigen, klaren, zwischen den Primeln, Gardinchen und Kartoffelsuppe verwurzelten Hochdeutsch. Mit einer solcher Unbeschwertheit und Einfältigkeit, dass mir es den Hals schnürte. Mit einer verdammten Nachlässigkeit, Ungepflegtheit, Wahllosigkeit der Wendungen und Unbekümmertheit, Selbstverständlichkeit sprach sie. In mir löste sich langsam etwas kaltes auf und in diesem Augenblick wurde ich von einer Traurigkeit überschwemmt. Warum kann ich auch nicht so zu Hause sein, wie sie? Wie ist das von Kindesbeinen an, diese eine Sprache in jeder Sehne und Windung des Gehirn zu haben? Wie ist es deutsch zu sein und eine Heimat besitzen?

Ich bin ein Identitätszwitter.

Warum will ich aber dieses Vorher und Nachher nicht, warum drückt es, wie Stein im Schuh? Warum fühlt sich Unzugehörigkeit zu einer Gruppe, Nation, Sprache, so schmerzlich an? Worauf kommt es eigentlich an?Warum sehe ich die Zweisprachigkeit nicht als einen Vorteil, einen kostbaren Schatz, den ich umsorge und schütze und pflege, sondern mehr als eine Behinderung, Mangel, Unvollkommenheit, Verkrüppelung?

Ich sitze nun in der U-Bahn und lese Goethe. Einmal grinse ich schelmisch, ach, wenn sie nur wüßten, diese alle Blödzeitungsleser…zweimal wiederum vergrabe ich mein Gesicht tief ins Buch und traue mich nicht mal hoch zu blicken, ich, die Betrügerin, die unerhörte Sprachdiebin, diese schlechte Schauspielerin, die Fremde, die sich als Einheimische im Sprachraum ausgibt. Diese Lügnerin.

Redefluss

Wenn ich einmal wieder die Angst habe, dass ich in Situationen, in denen ich mich unsicher fühle oder unkonzentriert, und deshalb für grammatische Fehler erheblich anfällig werde/bereits bin, oder dass mein Akzent besonders stark auffällt (auffallen könnte), dann rede ich viel, schnell, viel schneller als sonst und auch lauter, und schnappe teuerste Begriffe aus meinem Wortschatzschrank. Das lenkt genügend ab und der Gesprächspartner konzentriert sich eher darauf, was ich sage und nicht wie.

Nick

Nach dem Besuch gestern hatte ich Kopfschmerzen und einen unglaublichen Hunger. Es ist selten, dass ich jemanden aus der Internetwelt persönlich treffe und auch diesmal war der Eindruck seltsam, dass diese Frau doch ganz anders ist, als ich sie mir vorgestellt hatte. Warum stellt man sich die virtuellen Nicks immer anders vor als sie wirklich sind? Diesmal war das aber eher eine schöne Überraschung. Auch wenn ich mir jetzt nicht mehr ganz sicher bin, ob wir uns noch einmal treffen (wollen) werden.

Am Abend machte ich versehentlich IE zu Schrott, dann doch lieber Firefox augepeppt, dann doch noch mal IE neu geladen, aufgerüstet und nun wollte mich spät nachts vor dem Einschlafen das Gefühl nicht verlassen, dass ich den ganzen Abend, sogar den ganzen Tag völlig sinnlos vertrödelt hatte. Ich wollte gestern eigentlich unheimlich viel übersetzen.

Jetzt trinke ich erstmal meinen Kaffee.

Argusaugen

B. ist heute Abend frühzeitig auf dem Sofa eingeschlafen. Ohne Vorlesen und ohne Zähneputzen. Als ich ihn in die Arme hochnahm, um ihn in sein Bett zu tragen, öffnete er die Augen spaltbreit und schaute mich glasig-abwesend an. Ob ich noch ich und da sei. Im Bett zog er seine kleine Bettdecke fest an sich, als ob das sein Kuscheltier wäre, und schlief ruhig weiter. Wir beide sind jetzt nie mehr mutterseelenallein.

Fußgängerweg

Es ist durchaus möglich an solchen kühlen Sonntagen im Gehen ein Buch zu lesen. Die Strassen sind nämlich wie leergefegt. Von einer Ampel bis zu der nächsten schafft der geübte Leser eine ganze Seite. Allerdings wartend an der Ampel nur drei Sätze. Unterschätzt sind auch die Wartezeiten auf den Bus oder U-Bahn. An Sonntagen gilt der Sonderfahrplan, das bringt den gewohnten Rhytmus durcheinander.

Berlinregen

Gestern Abend fiel endlich der ersehnte Regen. Zum ersten Mal in diesem Jahr roch die Erde nach Frühling.

Nach dem ich B. abgeholt habe, sind wir mit dem Bus nach Steglitz in die Buchhandlung gefahren. B. fand sofort ein Buch für sich, ich dagegen streifte durch die Gänge zwischen den Büchertischen mehr als ratlos. Eigentlich mag ich keine Romane kaufen und kaufe sie äußerst selten, die ich dann nur ein einziges Mal lesen werde. Das weißt oder wenigstens erahnt man komischerweise schon mal im Vorfeld. Andererseits habe ich schon die meisten Bücher, die ich besitzen wollte (und will) und unglücklicherweise fiel mir kein Wunschbuch mehr ein. Da mich der „Drachenläufer“ von Khaled Hosseini regelrecht von jeder Seite anlächelte, nahm ich es doch mit. Es war eine Art Frustkauf, Lustkauf, spontan und ungeplant, gar nicht mir ähnlich. Ich freue mich aber doch und das Buch legte jetzt unter das „Glasperlenspiel“ von Hermann Hesse neben meinem Laptop, stets griffbereit und wie ein erregender Fetisch.

Mein erster Eintrag

Eigentlich will ich nicht mit „ich“ anfangen.

Warum schreibe ich einen Blog? Ich übe mich in der sprachlichen Selbstdisziplin. Bloggen auch beim Frühstück? Zu festen Zeiten? Ich trinke Milchkaffee morgens vor dem Rechner. Übrigens, meine Muttersprache ist eine andere.

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